Fera III – Die Hoffnung stirbt zuletzt

In diesem finsteren Band treffen mehrere Zeiten aufeinander.

Was macht man, wenn das eigene Leben in Scherben liegt?
Jales durfte nicht so wie andere Kinder aufwachsen. Königin Afro taucht in seiner Kindheit auf und nimmt ihm alles Vertraute. Doch als Nachfolger von Prinzessin Nebula Lupa bleibt ihm nichts anderes übrig als weiter zu kämpfen. Der Krieg streckt sich in die Länge und Jales findet neue Verbündete, die gemeinsam mit ihm dem Feind die Stirn bieten.
Doch dann eines Tages steht er erneut vor dem Nichts. Die Gegenwart ist unerträglich und die Zukunft hoffnungslos. Jales entscheidet sich für den letztmöglichen Ausweg und setzt alles aufs Spiel: Seine Vergangenheit.

Begleite Jales auf seinem aussichtslosem Weg durch die Zeit. So wie es geschehen ist, darf es sich nicht wiederholen. Die Krieger seiner Zeit waren einfach zu schwach und unvorbereitet. Doch wer soll ihn daran hindern, in die Vergangenheit zu reisen, sich die jungen, unerfahrenen Krieger der nächsten Generation zu schnappen und sie auf ihren unmöglichen Kampf vorzubereiten? … Die Regeln der Zeit interessieren ihn nicht. Es ist leicht das gesamte Zeitgefüge aufs Spiel zu setzen, wenn man bereits alles verloren hat.

Leseprobe:

„Nicht so schnell! Das ist zu schnell für mich!!“, hämmerte es in Jales Kopf.
Die Lunge des Jungen brannte und ein Stechen in der Hüfte machte ­jeden Schritt, jeden Atemzug zur Qual. Immer wieder kam er ins ­Straucheln. Menschen, die in ihrer Verzweiflung nach ihm griffen, versuchten ihn mit sich zu zerren. Menschen, die in die andere Richtung liefen und nicht verstanden, was passierte. Verstand er es? Kaum. Wie lange würden sie noch laufen? Wo genau liefen sie hin? Seine Mutter war direkt vor ihm, hatte ihn an der Hand gepackt und schleifte ihn hinter sich her. Ihr blaues Kleid kam ihm immer wieder in den Weg, versperrte ihm die Sicht. Der Griff war zu fest, doch selbst wenn sie in dem Lärm seine Proteste gehört hätte, er war dankbar. Wenn er in der panischen Menschenmenge verloren ginge, hätte sie kaum eine Chance und schon gar keine Zeit ihn wieder zu finden.
Immer wieder hörte er seine Mutter den Frauen und Männern zurufen, dass sie aus der Stadt fliehen und ihre Habseligkeiten zurücklassen sollten. Jales erblickte einen Jungen in seinem Alter. Er stand völlig verängstigt mit suchenden, großen Augen in einem Hauseingang. Niemand kümmerte sich um ihn. Wo waren seine Eltern? Seine ­Geschwister? Warum lief er nicht so wie die anderen raus aus der Stadt, in Sicherheit. In Sicherheit? Ja, es musste außerhalb der Stadt besser sein.
Allmählich ließ die Flut an Flüchtlingen nach und seine Mutter fing an noch schneller zu laufen. Er wusste, dass sie sich immer noch ­zurückhielt, er hielt sie auf. Er bemerkte es am Blick ihres Leib­wächters. Der Mann in schwarzem Latex und dem kurzen, roten Haar war dagegen gewesen, dass Jales mitkam. Mit einem suchenden Blick auf die Gebäude um sie herum ließ sich der Drachenkrieger zurückfallen und schnappte nach Jales. Seine Mutter ließ sofort los. Sie vertraute ihrem Leibwächter blind, niemals würde er sie betrügen oder sich ihr widersetzen. Wenn sie eine Entscheidung getroffen ­hatte, dann würde Serpens damit leben.
Dankbar klammerte sich Jales an der Schulterrüstung des großen Mannes fest und schlang seine Beine um dessen Hüften. Der Junge wusste sehr wohl, dass er den Leibwächter seiner Mutter nicht ­behindern durfte. Jales Leben war für den Drachenkrieger zweit­rangig. Nur das Leben seiner Mutter zählte.
„Danke“, keuchte der schwarzhaarige Junge völlig außer Atem in ­Serpens langes, spitzes Ohr.
Doch der Krieger schenkte ihm nicht einmal einen kurzen Blick, ­sondern behielt die Umgebung im Auge. Der Leibwächter seiner Mutter war schwer einzuschätzen. Zu jedem außer seiner Mutter war der Krieger distanziert und abweisend. Selbst wenn der Drachen­krieger seine menschliche Seite nach außen kehrte, war er immer in seiner Rolle als Beschützer. So etwas wie ein Privatleben schien für ihn nicht zu existieren. Serpens lebte, um seine Mutter zu beschützen.
„Ist mit dir alles in Ordnung, Liebling?“, hörte er plötzlich seine ­Mutter neben ihm fragen.
Er sah in ihr Gesicht. Ihre blauen Wolfsaugen waren groß und starrten ihn besorgt an. Ihre Haut war für einen Menschen etwas zu blass und ihre Wangenknochen eine Spur zu markant. Die Nase eines Wolfes und die langen Eckzähne in ihrem Mund ließen darauf schließen, dass sie alles andere als menschlich war. Und ihr schwarzes Familiensymbol auf der Stirn, ein kleiner schwarzer Punkt mit einem schwarzen Strich nach links und rechts, verriet ihre Herkunft. Sie war ein ­Mitglied der Nebulas. Ein Kind des Pugnatempus. Halb Mensch, halb Wolf, verpflichtet das Leben dieses Planeten zu schützen. Der Grund, warum sie hier waren.
„Prinzessin, konzentriert Euch. Er hat nur einen Kratzer, nichts ­weiter“, meinte Serpens und lief weiter.
Seine Mutter schenkte ihm ein kleines Lächeln und wandte dann den Blick wieder nach vor. Was immer sie sah, gefiel ihr nicht. Jales ­drehte sich herum und sein Atem stockte. Bis eben hatte er nur flüchtende Menschen gesehen. Doch hier bot sich ein Anblick, den er so gar nicht kannte. Warum hatte er nicht daran gedacht? Seine Mutter ­hatte ihm so oft von Kämpfen berichtet. Sie hatte Opfer und ­Zerstörung erwähnt, aber es zu sehen, war etwas ganz anderes, als es am Abend in einem warmen Bett vor dem Einschlafen erzählt zu bekommen. Die Straße und die Gebäude um sie herum lagen in Trümmern. ­Autowracks wohin man sah, einige brannten.
Serpens drückte Jales Kopf unsanft zurück auf seine Schulter und zischte ihm zu, dass er die Augen geschlossen halten sollte. Die ­Stimme des Leibwächters klang kalt und rau, doch der Junge tat wie ihm befohlen.
Der Krieger lief weiter.
Was waren das für seltsame Formen gewesen? Die bunten Fetzen überall? Er hatte sie nicht genau erkennen können. Ein unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase und er musste husten.
„Prinzessin, was macht Ihr hier?! Im Palast wäre es für Euch und Euren Sohn sicherer!! Überlasst uns das Kämpfen!“, hörte er plötzlich die Stimme von Columba, der Vogelfrau und Anführerin des Fera-Teams der nächsten Generation über ihnen.
Jales öffnete die Augen. Die Vogelkriegerin setzte gerade mit ihrer jüngeren Schwester Angua, dem Schlangenwesen zur Landung an. Die junge Frau mit der grünen, ledrigen Haut ließ die Hand ihrer Schwester los, fiel das letzte Stück nach unten, fing sich geschickt am Boden ab und lief vor der Prinzessin her. Ihre Bewegungen waren schnell und geschmeidig, während sie über Trümmer und Wracks hinwegsprang. Ihre blutroten Augen schienen die Umgebung und ­jeden Schatten um sie herum nach Gefahren abzusuchen.
Seine Mutter sah Columba ausdruckslos an und meinte dann mit ihrer hellen, klaren Stimme, die keine Widerworte duldeten: „Du kennst das Ausmaß der Zerstörung. Dieser Kampf wird heute, hier und jetzt entschieden. Binnen einer Stunde haben sie beinahe das halbe Zentrum in Schutt und Asche gelegt! Wir müssen all unsere Stärke sofort gegen diesen unbekannten Feind aufbringen. … Im ­Gläsernen Palast wären wir nicht mehr lange sicher gewesen.“
Die letzten Worte hatte seine Mutter leiser gesprochen, als ob sie nicht für seine Ohren bestimmt waren. Aber warum sollte es im ­Gläsernen Palast nicht mehr sicher sein? Der Gläserne Palast wurde doch von all den Wachen beschützt, niemand kam da so einfach rein. Natürlich hatten sie keine Waffen wie das Fera-Team der nächsten Generation, aber sie hatten Schusswaffen, die mussten doch für ­irgendetwas gut sein. Sein Vater und seine Großeltern waren doch im Gläsernen Palast. Sie mussten dort doch sicher sein. Warum hatte seine Mutter trotz der Hektik darauf bestanden, dass er sich von ­ihnen verabschiedete? Er würde sie doch heute Abend wiedersehen.
Verwirrt sah sich der Junge um. Niemals konnte diese Verwüstung den Gläsernen Palast betreffen. Der Gläserne Palast musste sicher sein! Serpens sprang mit ihm über eines der Autowracks hinweg. Die Scheibe des kaputten Autos lag wie herausgerissen auf der Motor­haube und erneut entdeckte er diese bunten Fetzen, aus denen sich ein Arm ihm entgegenzustrecken schien. Ja, das waren eindeutig ­Finger. Jales Augen wurden groß. Was waren all diese bunten Fetzen?! Warum stank es hier so entsetzlich?!!
„Nimm du ihn!“, hörte er wie aus weiter Ferne den Leibwächter ­knurren und der Junge wurde durch die Luft geworfen.
Ihm wurde übel, seine Sicht von Tränen getrübt. Irgendjemand schrie.
„Schau nur mich an“, flüsterte eine liebevolle Stimme und zwei ­warme Hände zwangen ihn in das haarige Gesicht von einer Kriegerin zu sehen.
Er wollte die Umgebung nicht aus den Augen lassen. Wollte den ­bunten Fetzen nicht den Rücken zukehren. Doch die Kriegerin ließ ihm keine andere Wahl. Sie kniete vor ihm und sah ihn mit diesen ruhigen, unendlich tiefbraunen Augen an. Nicht irgend eine Kriegerin, seine Kriegerin. Tigraru war für ihn so etwas wie Serpens für seine Mutter. Zwar nicht auf Leben und Tod mit ihm verbunden, aber sie würde ihn dennoch mit ihrem Leben beschützen. Wenn sie hier war, dann war gewiss alles in Ordnung. Bei ihr war er sicher.
Der Schrei ebbte ab. Seine Kehle war trocken, keine Luft mehr in seiner Lunge übrig. Seine Augen besahen sich jede schwarze Linie in ihrem hellbraunen Fell, das ihr ganzes Gesicht und, wie er genau wusste, ihren gesamten Körper bedeckte. Doch er konzentrierte sich auf die Linien in ihrem Gesicht, eingerahmt von ihren blonden ­Rastazöpfen, das war sicherer. Sie strich mit ihren Fingern zärtlich über sein Gesicht und wischte etwas Feuchtes weg und seine nach vorgefallenen Haare aus seinem Gesicht.
„So ist es richtig. Schau nur mich an. Wir müssen da jetzt weiter­laufen. Wir dürfen nicht zurückbleiben. Ich möchte, dass du dich ganz fest an mir anhältst und nicht loslässt. Du wirst die Augen ­geschlossen halten und ganz leise sein, ja?“, fragte sie freundlich, als ob sie alle Zeit der Welt hätten.
Jales presste seine Augen fest zu, als ob er sie nie wieder öffnen wollte und streckte ihr die Arme entgegen. Als er ihre Schultern ertastete, kletterte er geschwind hoch und klammerte sich fest an sie. Er zitterte, jeder seiner Muskeln war verkrampft und schmerzte. Aber er würde nichts sagen, sich nicht beschweren. Er wollte nicht zur Last fallen.
Die Tigerkriegerin ging ein, zwei Schritte, fing dann langsam an zu laufen und verfiel dann in einen schnellen, gleichmäßigen Sprint. ­Jales konzentrierte sich auf jeden ihrer Schritte. Fühlte, wie sie ihre Füße sicher setzte. Wusste, wann immer sie gleich zum Sprung ­ansetzen würde.
Stimmen wurden hörbar, Tigraru langsamer. Ob er die Augen öffnen konnte … lieber nicht.
„Danke Tigraru, gib ihn mir und dann hilf deinem Team“, hörte er seine Mutter sagen.
Jales klammerte sich sofort noch fester an seine Kriegerin und warf der schwarzhaarigen Wolfsfrau bittende Blicke zu. Sie leckte sich über die Lippen und nickte dann der Tigerkriegerin zu. Sie konnte ­bleiben.
Jales glitt von ihrem Rücken herunter und sah sich zögernd um. Sie befanden sich auf einem Parkdeck. Die Autos um sie herum waren unversehrt, wenn auch staubig. Ein heißer Wind wehte ihm ins ­Gesicht, er versuchte den Gestank zu ignorieren. Seine Mutter und ihr Leibwächter standen am Geländer und blickten mit ausdrucks­loser Miene in die Ferne.
„Kann … kann ich auch schauen?“, wollte Jales im Flüsterton wissen.
Tigraru trat an das Geländer und sah sich kurz um. Ihr Blick war nicht so leer wie der seiner Mutter. Die Tigerkriegerin war eindeutig besorgt. Ihre schwarzen Lippen waren zusammengepresst, doch sie nickte.
Interessiert kletterte der Junge die kleine Mauer hoch und bemerkte Fortuna neben seiner Mutter. Die weiße Katze sah ebenfalls besorgt in das Gesicht ihrer Prinzessin. Sie war der Wächter der Wert­gegenstände, ein geheiligtes Tier, das seine Mutter immer treu ­ergeben zu beraten versuchte. Doch im Moment sah sogar sie völlig hilflos und verängstigt aus.
Vorsichtig sah sich Jales um. Nirgendwo waren diese bunten Fetzen zu sehen. Im Gegenteil. Die Verwüstung endete wenige Meter vor dem Gebäude. Ein Krater, dessen Ende er wegen der staubigen Luft nicht erblicken konnte, erstreckte sich in alle Richtungen, eingesäumt von zerstörten Gebäuden. Aus einigen loderten Flammen. Immer wieder zersprang eine Fensterscheibe. Seltsame Geräusche waren zu hören. Nein, er bildete sich das nicht ein, da waren schwarze ­Schatten, die sich bewegten, von Fenster zu Fenster glitten. Waren sie es auch, die die Wände einstürzen ließen? Waren sie für all das verantwortlich?
Er wusste, dass bis heute Morgen das Zentrum noch heil gewesen war. Hier musste es begonnen haben. Da, wo bis vor kurzem ein ­heiler Stadtteil gestanden hatte, war jetzt nur noch Sand. Als ob ­jemand all die Gebäude zu feinem Staub zermahlen hätte. Am Rande des Kraters erkannte er die restlichen Fera-Krieger der nächsten ­Generation. Columba kämpfte zusammen mit ihrer Schwester ­Angua Rücken an Rücken gegen diese seltsamen Schatten. Die Bären­zwillinge Ursen und Ursana standen nicht weit von ihnen entfernt und beschützten Leokiro, den Löwenmann, der gerade dem Zentauren Zentos wieder auf die Beine half. Der Zentaure hatte eine klaffende Wunde am rechten Vorderbein. Doch wollte er sich davon nicht ­behindern lassen. Kaum stand er wieder auf seinen Beinen, bäumte er sich in all seiner Größe auf, zog aus seinem Rückenhalfter eine seiner messerscharfen Wurfwaffen und schleuderte sie von sich weg. Zwei dieser seltsamen Schatten lösten sich augenblicklich in Luft auf.
Jales hörte auch Schüsse. Verwirrt versuchte er den Ursprung des Lärms auszumachen. Einige wenige Soldaten hatten sich hinter den letzten Trümmern der aufgesprungenen Straße versteckt und nahmen immer wieder diese seltsamen Schatten ins Visier. Aber die Schatten waren eher unbeeindruckt. Seine Mutter hatte ihm schon oft erklärt, dass die Waffen von Menschen selten Einfluss auf einen ihrer Feinde haben würden. Nun musste er die bittere Wahrheit mitansehen. Die Menschen waren wehrlos.
„Nein!“, keuchte Tigraru plötzlich neben ihm auf und für einen ­Moment machte sie Anstalten über die Absperrung hinwegzu­springen.
Jeder ihrer Muskeln war gespannt, ihre Augen groß und auf eine ­Stelle fixiert. Ein leises Knurren war tief in ihrer Kehle zu hören. Schnell wandte er sich wieder dem Kampf zu. Leokiro war zu Boden gegangen, der Löwenmann war ihr Bruder. Die Zwillinge nahmen ihn sofort in ihre Mitte, umklammerten einander und lösten eine Druckwelle aus, die alle Feinde im näheren Umkreis auslöschte.
Nun bemerkte Jales auch noch vier weitere Personen. Sie sahen menschlich aus. Doch die Art, wie sie sich bewegten, durch die Luft glitten, als ob die Schwerkraft für sie nicht zählte, machte ihm klar, dass es sich hier um den Feind handeln musste. Columba und Angua hatten den Kampf gegen zwei von ihnen aufgenommen. Zentos ­versuchte sich vergebens gegen einen von ihnen zu wehren. Seine Beinverletzung machte ihn zu einem leichten Opfer. Die Bären­zwillinge kauerten bei Leokiro am Boden und lösten, wann immer sich das vierte dieser Geschöpfe ihnen näherte, ihre Druckwelle aus. Damit hielten sie es auf Abstand, die Frage war nur, wie lange?
„Prinzessin?“, hörte er Fortuna leise sagen.
Seine Mutter sah mit starrem Blick auf die Kämpfe vor ihnen.
„Prinzessin?“, wiederholte die Katze besorgt.
Doch auch jetzt reagierte sie nicht auf ihren Wächter.
Serpens berührte seine Mutter an der Hand und murmelte: „Wenn wir zu lange warten, dann gibt es keine Hoffnung mehr.“
Die Wolfsprinzessin atmete tief durch und nickte dann kurz.
Fortuna schloss ihre Augen und begann sich zu konzentrieren. ­Verwundert beobachtete Jales das kleine Tier. Das Maul der Katze bewegte sich rasch, als ob sie etwas sagen würde. Doch es war zu leise, er konnte die genauen Worte nicht ausmachen. Musste er auch nicht. Er wusste, was hier vor sich ging, welche Entscheidung seine Mutter getroffen hatte. Er wollte etwas sagen, dagegen protestieren, das konnte unmöglich ihre einzige Hoffnung sein! Doch zwei Arme legten sich um ihn und Tigraru klammerte ihn fest an sich. Sie sah ihn wieder mit diesem ruhigen Ausdruck an, als ob alles in Ordnung wäre.
Sie strich ihm über den Kopf, so wie sie es immer tat, wenn sie glaubte, er wäre zu jung, um etwas zu verstehen und flüsterte: „Keine Angst, alles wird gut. Wir sehen uns wieder. Ich bleibe immer bei dir.“
Warum klang das so nach Abschied? Es klang nicht wie eine Lüge, obwohl es das sein musste. Aber Tigraru würde ihn niemals belügen, das hatte sie ihm versprochen. War das ebenfalls ein Versprechen? Würden sie sich wiedersehen?? Doch noch bevor er ihr das ­Versprechen abringen konnte, wurden ihre Augen leer und sie brach in sich zusammen. Jales hielt sie eisern fest und ging mit ihr zu Boden, sie war zu schwer für ihn. Er wusste, dass sie nicht nur bewusstlos war. Ihr Körper war leer, er konnte es fühlen. Da war kein Leben mehr in ihr. Der Junge konnte Columba aufschreien hören. Ein lang gezogener Schrei, natürlich war auch sie dagegen. Das waren nicht nur Krieger, die ihre Macht aufgaben, damit Fortuna sie auf die Mächtigste von ihnen konzentrieren konnte. Das waren ihre Freunde, ihre Familie, die da ihre Mächte und ihre Lebensenergien an sie weiterreichten. Von der Kraft der anderen gestärkt warf sich Columba in den Kampf.
„Sie wird es schaffen“, hörte er Serpens zu seiner Mutter sagen.
Warum kümmerte sich keiner um ihn? Warum half ihm niemand? Er wollte nicht, dass das alles hier passierte! Das durfte es nicht. Tigraru war seine Kriegerin, niemand durfte sie ihm einfach so wegnehmen! Er wusste, dass er weinte, aber er schämte sich nicht. Er packte ­Tigraru fest an den Schultern, rüttelte sie immer wieder. Der Boden bebte, Gebäude stürzten um ihn herum ein, Columbas Kampfschreie waren laut und wütend zu hören, doch all das interessierte ihn nicht. Das was hier passierte, war ungerecht! Er würde es rückgängig ­machen, sich nicht damit abfinden! Seine Finger verkrampften sich in Tigrarus Armen, er hatte zu schreien begonnen. Niemand schenkte ihm Beachtung. Es wurde kalt, eisig kalt.
„Columba!“, keuchte seine Mutter verzweifelt und zu Jales Entsetzen brach sie zusammen.
Serpens hatte ihr sofort unter die Arme gegriffen und hievte sie hoch. Sie wehrte seine Bemühungen ab, sie auf den Arm zu nehmen. Sie wollte nicht getragen werden.
„Wir müssen hier weg! Sofort!“, meinte der Drachenkrieger eindringlich und ließ ihr ihren Willen.
Jales sah mit großen Augen, dass ein Teil der Mauer fehlte, er hatte freie Sicht auf den Krater. Aber wie konnte das sein? Der Wächter seiner Mutter hatte ihm immer erzählt, dass, wenn man diese Macht entfesseln würde, sich all die Mächte und all die Lebensenergien aller Krieger auf einen Krieger konzentrieren würden, dieser Krieger dann unbesiegbar wäre. Wie also konnte es sein, dass Columba blut­überströmt am Boden lag, dem Ende nahe war? Einer ihrer Feinde näherte sich ihr langsam. Die Vogelfrau stellte keine Gefahr mehr dar. Sie schaffte es kaum sich auf den Bauch zu drehen. Mit letzter Kraft faltete sie ihre Hände und ein seltsames, farbloses Licht in Form einer kleinen Taube entwich ihnen. Das menschenähnliche Etwas war bei Columba angekommen und drückte sie mit seinem Schuh zu Boden. Was danach passierte, konnte er nicht sehen. Serpens hatte Jales gepackt und hochgenommen.
„Wir müssen jetzt gehen!“, wiederholte er und sah seine Prinzessin bittend an.
Doch sie starrte mit ihren großen, hellblauen Augen ungläubig ­hinaus auf den Kampfplatz. In ihren Armen lag die weiße Katze, ebenfalls tot.
„Es hat jetzt keinen Sinn einzugreifen. Wir müssen Informationen über unseren Feind sammeln! Alles andere wäre Wahnsinn“, zischte Serpens und seine Mutter wandte sich ab.
„Wir müssen jetzt gehen“, stimmte sie ihm abwesend zu.
Das Verhalten seiner Mutter machte ihm Angst. Noch nie hatte er sie verzweifelt oder gar ängstlich gesehen. Immer schien sie einen Ausweg zu wissen. Warum konnte sie nicht einfach … was sollte sie einfach können?
„Was hast du gemacht?“, fragte die Wolfsfrau irritiert, als sie Tigraru am Boden bemerkte.
Die Tigerfrau war von einem Hauch Eis bedeckt. Noch immer lag sie da wie tot, doch sie fühlte sich nicht mehr so an. Jales wusste, dass auch seine Mutter die Kriegerin spüren konnte.
„Unwichtig, wir müssen sofort von hier weg“, beharrte Serpens ­darauf.
„Der eisige Schlaf? Du beherrscht ihn? Aber selbst wenn … wie hast du …“, flüsterte sie und bückte sich zu Tigraru hinunter.
„Sie gehört mir! Wir nehmen sie auch mit! Ich kann selber laufen! Bitte, Mutter!“, rief Jales und befreite sich aus Serpens Armen.
Der Drachenkrieger wollte dagegen protestieren, aber kaum hatte die Wolfsprinzessin genickt, ließ er es bleiben und schulterte die eisigkalte Kriegerin.
Es begann zu regnen.
Nein, an dem Tag hatte es nicht geregnet.
Kalter Regen tropfte in sein Gesicht, seine Kleidung war eisig kalt.
An dem Tag war es erdrückend heiß gewesen und der Staub und der Gestank hatten das Atmen beinahe unmöglich gemacht.
Schmerzen breiteten sich aus.
Er war unverletzt.
Finsternis hüllte ihn ein.
Die Sonne stand hoch am Himmel, alles blendete ihn, während er sich so rasch wie möglich seinen Weg durch die Trümmer bahnte. Immer ­bedacht nur auf Serpens zu sehen, ob er Tigraru auch sicher mitnahm. Die ­bunten Fetzen ignorierend.
Er musste aufstehen, sie warteten auf ihn.
Niemand würde auf ihn warten, er war unbedeutend, nicht einmal in der Lage sich zu verwandeln. Wenn er zurückblieb, war das sein Tod.
Nein! Er musste aufstehen. Sie würden nach ihm suchen. Er war ihr Anführer. Er befand sich nicht mehr im Jahre 2208. Es war das Jahr 2223 und er kein kleiner, hilfloser Junge mehr.
Jales holte tief Luft und verdrängte seine Kindheitserinnerungen ­zusammen mit seiner Ohnmacht in eine dunkle Ecke seines Bewusstseins.