Fera VI – Zum Scheitern verurteilt

So lange hat Anschela der Natur und ihren undurchsichtigen Regeln getrotzt. Nun wird ihr die Rechnung präsentiert.

Anschelas Kind wird unter keinem guten Stern geboren. Die Natur sieht sich erneut gekränkt und bestraft nun auch die nächste Generation des Firmaments, dieses Mal mit einer Krankheit. Anschela wird ein unmögliches Angebot von der Natur selbst unterbreitet. Lehnt sie ab, wird ihr Kind auf ewig mit den Folgen leben müssen.
Nox verfolgt blind sein eigenes Ziel und bemerkt nicht, dass Tamara ihm auf diesem Weg nicht folgen kann noch will. Sie hat ganz andere Probleme, mit denen sie fertig werden muss. Die Zeiten ändern sich und ein altbekannter Freund wendet sich gegen alles und jeden, nur um die unsagbare Neugierde zu befriedigen.
Macht war nie das richtige Spielzeug in unschuldigen Händen.

Begleite Anschela auf ihren letzten Schritten. Geh mit ihr gemeinsam diesen langen Weg des Widerstands bis zum Schluss. Alles findet hier und jetzt ein Ende. Wenn du nicht bereit bist die Rechnung zu begleichen, solltest du einen Ausweg kennen.

Leseprobe:

Zur selben Zeit saß Devid mit Tigraru und den Bärenzwillingen bei Jan im Wohnzimmer. Columba, Serpens und Zentos behielten die unmittelbare Umgebung des Grundstücks im Auge. Wobei ­niemand damit rechnete, dass Kiri oder einer der Vampire zum Haus kommen würde, solange die Sonne am Himmel stand.
„Was werdet ihr tun, wenn Kiri hierherkommt?“, fragte Jan und strich sich ihr rotes, langes Haar nach hinten.
Die ansonsten so hübsche und elegante Frau wirkte an diesem Tag blass und um Jahre gealtert. Ihr Rücken war krumm und ihre Augen hoffnungslos. … Sie hatte ihre Tochter längst aufgegeben.
„Wir werden sie von dem Clan trennen“, meinte Ursana kurz.
„Lupa hat noch nicht genau gesagt, was dann zu tun ist. Sie will ­zuerst mit den Vampiren reden“, verbesserte Tigraru das Bären­mädchen.
„Und was soll dabei, eurer Meinung nach, rauskommen? Was denkt ihr, was der Clan tun wird? Sich entschuldigen und heimgehen?“, knurrte Devid angespannt.
Alle im Raum sahen ihn an und Shang fragte leise: „Was denkst du, was passieren wird?“
Der junge Vampir in menschlicher Gestalt verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Wand.
Er überlegte einen Moment lang und brummte dann leise: „Ihr ­versteht etwas Grundsätzliches nicht. Das ist euer Problem. Wer auch immer sie gebissen hat und so zu seiner zukünftigen Frau ­auserwählt hat … der liebt sie. Und mit Liebe meine ich jetzt nicht so etwas wie bei euch Menschen, wo man es einmal ausprobiert und dann erst entscheidet, ob das eine Zukunft hat oder ob man es doch besser wieder sein lässt. Die beiden kennen sich wahrscheinlich erst seit wenigen Stunden, aber für beide ist gewiss, dass sie den Rest ­ihres Lebens gemeinsam verbringen wollen. Da gibt es kein Wenn und kein Aber!“
„Das ist doch Unsinn. Kiri ist 14 Jahre alt. Sie hat keinen blassen Dunst von der Liebe“, meinte Jin entschieden.
Der Zwillingsbruder von Jan legte seiner Schwester eine Hand auf die Schulter und versuchte, ihr Mut zu machen. Aber Devid schnaubte nur verächtlich und wandte den Blick ab. Das war das Problem. Menschen verstanden nicht, was es bedeutete, wirklich ­verliebt zu sein.
„Du verstehst aber auch, dass wir Kiri nicht einfach tun und machen lassen können, was sie will“, meinte Tigraru und reckte sich, um die angespannten Muskeln zu lockern.
„Es ist nicht so, als ob sie bestimmt hätte, wer sie beißt. Sie war hier das Opfer … schon vergessen?“, murmelte Devid und fühlte, dass ihm jeden Moment der Geduldsfaden reißen würde.
Wie konnte man nur so starrköpfig sein?! Alle miteinander! Wo war seine Erwählte, wenn er sie brauchte?! Angua würde bestimmt mehr von alldem verstehen und ihr Team zurechtweisen!
„Du denkst, dass es Zufall war? Ich bitte dich. Dass Kiri ständig ­zufällig in die Kämpfe hineinstolpert, das glaube ich nicht. Wir ­wissen, dass sie eine furchtbar finstere Zukunftsprognose hat. In ­einer Zukunftsvariante, die wir hoffentlich verhindert haben, war sie praktisch die rechte Hand von Königin Afro und hat als Teck ­gefoltert und gemordet“, erinnerte Ursana und stellte sich neben ­Ursen, wahrscheinlich, um von ihrem Zwillingsbruder Unter­stützung zu erhalten.
„Da war sie aber eine Schattenkriegerin und soweit ich weiß, ist kein Schattenkrieger er selbst. Aus dem liebsten Geschöpf … könnte man eine reißende Bestie machen“, murmelte Devid und versuchte, das Bild seiner kleinen Schwester aus seinen Gedanken zu verbannen.
Sie war durch die Hand von Teck gestorben. Lupa hatte ihnen ­damals geraten, den Leichnam von Aurora zu verbrennen, da sie sonst wiederkommen würde. Aber sein Großvater hatte einfach ­angenommen, dass er den Vorgang rückgängig machen könnte. Er hatte geglaubt, Aurora kontrollieren zu können. Aber von dem ­fröhlichen, sanftmütigen Vampirmädchen war nichts übrig geblieben. Sie war eine Bestie ohne jeden Verstand gewesen und hatte versucht, alles um sich herum zu töten.
„Ich stimme euch zu, etwas wie Teck darf es nie wieder geben. Aber Kiri ist nur ein Vampir und wenn ihr sie dem Clan wegnehmt, ­bedeutet das unweigerlich Krieg“, versuchte der braunhaarige Junge den anderen zu erklären.
Tigraru spitzte ihre schwarzen, dünnen Lippen und fragte dann ­vorsichtig: „Was bedeutet das für uns bestenfalls?“
„Bestenfalls? … Wenn ihr Glück habt, dann wurde sie von einem Einzelgänger wie Levis es war, bevor er zu unserem Clan zurückkehrte, gebissen. Ein Vampir ohne Clan. Ohne Schutz. Ohne Macht. In dem Fall könntet ihr die beiden wohl einfach töten“, knurrte er mit unterdrückter Wut.
„Töten?“, keuchte Jan entsetzt.
„Töten ist übertrieben. Wir wollen niemanden töten und das weißt du! Wenn wir jemanden beseitigen, dann weil es keinen anderen Ausweg gibt. Wir töten niemanden, weil es der leichtere Weg ist. … Ich nehme an, wenn sie von einem Einzelgänger gebissen wurde
und ohne jede Macht und ohne Clan dasteht … könnten wir das ­ignorieren. Wir würden zu den beiden ein Band wie zu dir und Levis aufbauen und sie so im Auge behalten“, murmelte Tigraru schnell, um Jan zu beruhigen.
Devid tat es leid, dass er die Situation so auf die Spitze getrieben ­hatte. Er stand unter enormem Druck. Er nahm es persönlich, wenn einem Vampirclan ein neues Mitglied entrissen werden sollte, nur weil die Krieger davon ausgingen, alles zu wissen. Genau aus dem Grund hatte Levis seine Chance auf ein gemeinsames Leben mit ­Alisha als Vampir verspielt!
„Korrigiert mich, aber wir wissen bereits, dass der Vampir kein ­Einzelgänger ist. Da waren mindestens zwei weitere, die ihm den Rücken freigehalten haben“, gab Ursen zu bedenken.
Devid schenkte dem breitschultrigen, muskulösen Bärenkrieger ­einen langen Blick. Was der große Fera-Krieger da von sich gab, mochte ihm nicht gefallen, entsprach aber der Wahrheit.
„Also, was könnte uns schlimmstenfalls blühen?“, verlangte Tigraru zu wissen und zog ihre dünnen Beine wie eine Katze an sich, um so auf einem kleinen Stuhl Platz zu finden.
Devid leckte sich über seine trockenen Lippen und murmelte nach einigen Sekunden: „Das Schlimmste wäre wohl, wenn wir es mit dem Vetus- oder dem Astutus-Clan zu tun bekämen. Die beiden Clans sind so mächtig, wie der meinige es war. Was aber nicht ­bedeuten soll, dass der Clanführer so verrückt ist, wie es mein Großvater war! … Trotzdem, wenn ihr einem derart mächtigen Clan die Stirn bieten wollt, dann könnt ihr euch auf Verluste einstellen, ­sobald ihnen klar wird, dass sie Kiri nicht als Tochter behalten ­können.“

Keine zwanzig Minuten, nachdem Christin vor den Kameras ­gesprochen hatte, kam die erstaunliche Nachricht, dass Kiri in Sichtweite des Lao-Grundstückes war. Anscheinend ging sie in Begleitung eines Jungen zielstrebig auf ihr zuhause zu.

„Mama wird mich sicherlich fragen, woher ich das neue Kleid habe“, murmelte Kiri nervös und fasste Comes’ Hand noch fester.
„Dann wirst du ihr sagen, dass es ein Geschenk meiner Mutter war. Je weniger du lügst, desto besser wird es laufen. … Bist du dir sicher, dass ich nicht mit hineinkommen soll?“, fragte der blondgelockte Junge neben ihr und sah ihr tief in die Augen.
Er trug dasselbe Gesicht wie an dem Abend, als sie einander kennen gelernt hatten. Soviel hatte sie bereits gelernt, er konnte viele ­verschiedene Gesichter annehmen, die ihm jedoch alle ein wenig ähnlich sahen. Sie mochte seine grünen Augen und das blonde Haar. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange. Augenblicklich wurde sein Gesicht rot und er sah sie ­verlegen an. Ihr eigenes Herz klopfte wie wild. Am liebsten hätte sie ihn auf den Mund geküsst, aber das traute sie sich nicht.
„Halt still“, flüsterte er schnell und beugte sich zu ihr.
Erneut schien er ihre Gedanken gelesen zu haben und im Gegensatz zu ihr traute er sich. Es war atemberaubend und am liebsten hätte sie sofort kehrtgemacht, um mit ihm zurück zum Schloss zu gehen. … Aber das ging nicht. Sie wollte ihre Familie nicht hinter sich lassen. Sie gehörte zu ihrem Leben und Levis hatte ihr versichert, dass es normal war, mit der eigenen Familie und den Freunden in Kontakt zu bleiben und auch für die nächste Zeit zuhause zu wohnen.
„Nein“, lehnte Kiri schließlich sein Angebot entschieden ab, „es wird leichter, wenn ich da alleine hochgehe. Meine Mutter kann sehr kompliziert sein.“
„Vergiss nicht, dass meine Eltern sie zu Kaffee und Kuchen ein­geladen haben. Und, da Menschen ja immer Probleme mit unserer Schnellentschlossenheit haben, behaupte, dass wir uns schon seit ­zirka einem Jahr kennen und seit ein paar Wochen zusammen sind. Dann ist es nicht so ein Schock … nehme ich mal an“, mutmaßte Comes kopfschüttelnd.
Für ihn schien das zögerliche, langsame, unentschlossene Verhalten von Menschen, wenn es um die Liebe ging, unerklärlich zu sein. … Ihr nun mittlerweile auch. Die Menschen wussten gar nicht, was ­ihnen entging. Das hier war so viel besser, als sich auf dumme Dates einzulassen, sich das Herz brechen zu lassen, sich scheiden zu lassen. Das hier war unglaublich!
Tief durchatmend ließ Kiri seine Hand los und strich sich das schlichte, aber sehr hübsche graue Kleid zurecht. Es fühlte sich schrecklich an, zu wissen, dass sie ihn erst morgen wieder sehen konnte. … Wenn sie es sich recht überlegte, war morgen sehr ­optimistisch. Ihre Mutter würde ihr für ihr Verhalten gewiss eine Woche Zimmerarrest geben. … Und dafür, dass sie einen potentiellen Freund seit Wochen verschwiegen hatte … würde sie das restliche Jahr ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Andererseits wäre es höchst unhöflich, die Einladung von Comes’ Eltern auszuschlagen. Demnach konnte ihr Hausarrest nicht so schlimm ausfallen.
„Du packst das. Kopf hoch“, flüsterte er und drückte sie noch ­einmal fest an sich.
Sie sog seinen Geruch tief ein und versuchte, nicht zu klammern. Sie war kein kleines Kind. Sie würde das schaffen!
Sie sah ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld entschwunden war und schritt dann entschlossen auf das große, schwarze Eisentor zu. Sie öffnete es und ging mit Bauchschmerzen den weißen Kiesweg hoch. Für einen Moment überlegte sie, sich in ihrem alten Baumhaus aus Kindertagen zu verstecken. Das letzte bisschen Hoffnung verschwand, als sie bemerkte, dass keiner der Angestellten hier war. Niemand kümmerte sich um den Garten. Das konnte nur eines ­bedeuten. Ihre Mutter hatte vor, an die Decke zu gehen, und das durfte natürlich nicht von den Angestellten beobachtet werden.
Mit zitternder Hand drückte sie die Klinke der Eingangstür hinunter. Es war natürlich nicht abgesperrt, sie wurde schließlich erwartet.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie schimpfte sich einen ­elendiglichen Feigling. Was sollte schon groß passieren? Ihre Mutter würde entsetzlich schimpfen und zutiefst enttäuscht sein. Ihr Vater würde sie traurig ansehen, das tat er immer, wenn sie sich falsch ­verhalten hatte. Eventuell würden sie sie heute nicht über ihren Freund aushorchen, sondern erst einmal mit Schweigen strafen. … Aber morgen beim Frühstück, würde man ihr gewiss erlauben, sich zu erklären. Um den Hausarrest würde sie nicht herumkommen, aber bestimmt wollten Jan und Shang ihren ersten Freund kennen lernen und würden dem Treffen mit seinen Eltern zusagen. … Alles nur halb so schlimm.
Sie kam nicht weit. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, stand Jan im Vorzimmer und sah sie mit stummem Blick an. Kiri blieb das Herz stehen. Hatte ihre Mutter etwa geweint?! Hatte sie gedacht, ihr sei etwas zugestoßen?!! Das hatte sie nicht gewollt!!
„Es geht mir gut!“, sagte das schwarzhaarige Mädchen sofort und fühlte sich schrecklich, dass es nicht schon längst zuhause angerufen hatte.
„Komm herein, wir haben Gäste“, war alles, was ihre Mutter mit ­erstickter Stimme über die Lippen brachte.
Als Kiri mit kleinen, zaghaften Schritten hinter Jan ins Wohn­zimmer trat, erstarrte sie beim Anblick der Krieger. Das Knacken des Parketts im Vorzimmer verriet, dass auch dort einer der Krieger gewesen war.
„Sie wissen es!“, hämmerte es in ihrem Kopf und sie begann zu ­zittern.
„Bitte setz dich“, murmelte Prinzessin Nebula Lupa und deutete auf einen Polster ihr gegenüber.
Kiri sah sich hektisch im Zimmer um. Der große Drachenkrieger Serpens stand vor dem Fenster. Er lehnte gelassen an der Wand, sein Kopf streifte beinahe die Decke, aber das Mädchen war sich sicher, dass es keine Chance hatte, an ihm vorbeizukommen.
Angua, Tigraru und Devid saßen wie Gäste neben dem niedrigen Wohnzimmertisch und vor ihnen stand eine Tasse Tee. … Unangetastet. Verzweifelt sah sie in Anguas Augen.
„Wir sind doch Freunde“, flüsterte sie heiser.
„Das können wir immer noch sein“, versicherte das Schlangen­mädchen ihr, aber kein Lächeln fand den Weg zu ihren Lippen.
Die Lage war ernst.
Auch ihr Vater und ihr Onkel Jin schenkten ihr nur ein schwaches Lächeln, als sie sie hilfesuchend ansah. Sowohl ihre Mutter als auch Jin trugen ihre traditionellen japanischen Schwerter am Gürtel.
„Bitte setz dich“, wiederholte die Wolfsfrau ihre Worte.
Mit weichen Knien schritt das schwarzhaarige Mädchen zu Lupa hin und ließ sich so elegant wie möglich auf dem weichen Polster nieder. Ihr Herz raste und in ihren Ohren konnte sie ihr Blut rauschen ­hören. Nicht mehr viel und sie würde umkippen. Eine derartige ­Blöße durfte sie sich vor dem Wolfswesen nicht geben.
„Wir wissen, was heute Nacht mit dir passiert ist“, sprach Lupa mit ihrer hellen, klaren Stimme, „und die Tatsache, dass du dich mir ­alleine und so schnell stellst, werde ich dir positiv anrechnen. Wisse, dass es alleine von dir und deinen Worten abhängt, wie dieser Tag für uns alle enden wird.“
Da war keine Milde, kein Mitleid, kein Hass in ihrer Stimme. Das Wolfswesen klang absolut neutral und unvoreingenommen. Aber ein Blick in diese tiefen, blauen Augen zeigte Kiri nur zu deutlich, was dieses Wesen wirklich von ihr hielt. Andere mochte sie mit diesen reinen Augen und diesem unschuldigen Puppengesicht täuschen, aber nicht sie. … Dieses Spiel konnte man zu zweit spielen.
„Vielen Dank“, brachte Kiri mit zugeschnürter Kehle heraus.
Das Mädchen zwang sich dazu, den Blick nicht abzuwenden. Sollte das Wolfswesen doch glauben, sie wie ein offenes Buch lesen zu ­können. In all den Jahren hatte sie gelernt, ihre Mutter zu belügen, und das war alles andere als einfach gewesen. Wieviel schlimmer konnte das hier sein? … Den Atem versuchte sie nicht zu kontrollieren. Es war angebracht, nervös und verängstigt zu sein. Immerhin saß eine Prinzessin in Gestalt einer Wolfsfrau vor ihr und wollte über ihre Zukunft entscheiden. … Als ob sie dazu fähig wäre! Sie war nun eine Astutus und gehörte einem der mächtigsten Clans an! Wenn sie wollte, könnte sie dieses Haus in Flammen aufgehen lassen! … Was sie natürlich nicht wollte. Aber es war nett, sich daran zu erinnern, dass sie das nun konnte.
„Schön“, stellte Lupa plötzlich fest, „du bist zuversichtlich.“
Kiri verwünschte ihre letzten Gedanken. Sie musste sich besser unter Kontrolle haben!
„Sei einfach ehrlich und wir können das hier schnell und sauber ­beenden. Wie heißt er?“, stellte das Wolfswesen ihre erste Frage.
Das war einfach: „Comes.“
Lupa warf einen Blick zu Devid, doch der zuckte nur mit den ­Schultern. … Das war gefährlich. Devid war hier also nicht, um sie im Zaum zu halten, sondern um als Informationsquelle zu dienen. Zum Glück hatte sie noch nicht zu viel verraten. Wie es aussah, kannte der Vampir in menschlicher Gestalt ihren zukünftigen Mann nicht.
„Wie noch?“, forschte Lupa geduldig weiter.
„Ich … habe nicht gefragt. … Es ging alles so schnell“, stotterte Kiri und zwang sich dazu, dem durchdringenden Blick standzuhalten.
„Sein Clan. Du musst doch mitbekommen haben, wie er heißt“, ­wiederholte die Wolfsfrau ihre Frage.
„Da war kein Clan!“, log das japanische Mädchen entschlossen und versteckte seine geballten Fäuste in den Falten seines schönen, neuen Kleides.
„Das Schloss, wo steht es?“, formulierte sie ihre Frage um.
„Ich war in keinem Schloss! Da war nur Comes!!“, beharrte Kiri auf ihrer Aussage.
„Es wäre möglich, dass dieser Vampir sie noch nicht zu sich nach Hause mitgenommen hat. Der Biss fand draußen in den Wäldern statt und womöglich war sie die ganze Zeit über nicht weit von uns entfernt. Sie zu bewegen, kurz, nachdem sie gebissen wurde, wäre sehr schmerzhaft gewesen“, murmelte Devid leise.
Das überraschte Kiri. Anscheinend war der junge Vampir auf ihrer Seite! Konnte sie das irgendwie ausnutzen??
Lupa strich sich nachdenklich über ihr blaues, seidiges Kleid und sah sie dann wieder mit ihren tiefgehenden Augen, die alles zu wissen schienen, an. Kiri gestand sich ein, dass dieses Geschöpf gefährlicher als ihre Mutter war. Sie hatte das Gefühl, als ob Lupa längst alles wusste und nur noch mit ihr zum Spaß spielte.
„Wo habt ihr euch kennen gelernt?“, wollte die Wolfsfrau wissen.
Kiri atmete erleichtert auf. Das war eine wunderbare Möglichkeit, die reine Wahrheit zu sagen und Punkte zu sammeln. Vor allem, da es nichts brachte, an dieser Stelle großartig zu lügen. Wenn sie ­bereits wussten, wo sie gebissen worden war, dann hatten sie sicherlich die Verbindung zum Nachtclub hergestellt.
„Am anderen Ende des Waldes ist ein netter Club. … Ich war in ­letzter Zeit öfter dort. Die Musik ist aufregend und das Tanzen macht mir Spaß. Ich hatte Comes schon einmal zuvor dort ­getroffen. Er schien ganz nett zu sein. Wir haben uns gut verstanden, dann hat meine Mutter angerufen und ich habe mich sofort wie verlangt ­verabschiedet. … Mama, es tut mir leid! Ich weiß, ich hätte dort ­niemals ungefragt hingehen dürfen! Ich weiß, dass ich dafür zu jung bin, und ich weiß, dass ich dafür eine harte Strafe verdient habe!! Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich zu keiner Zeit dort Alkohol getrunken habe und es mir schrecklich leidtut, dass du und Papa euch Sorgen um mich gemacht habt! Ich wollte wirklich sofort ­heimkommen!! … Aber es ging alles so schnell! … Comes hatte solch unglaubliche Kraft. … Ich weiß nicht mehr viel davon“, entschuldigte sich das schlanke Mädchen und senkte zu seiner Mutter gewandt den Kopf.
Es kostete Kiri einiges an Kontrolle, um nicht zu lächeln. Sie hörte ihre Mutter erleichtert aufatmen. Die Entschuldigung schien gut ­angekommen zu sein. Devid konnte sie aus dem Augenwinkel ­betrachten. Er nickte langsam. Anscheinend fand er ihre Geschichte glaubhaft. … Natürlich war sie das. Es war schließlich die Wahrheit.
„Und dann bist du aufgewacht. Wo warst du?“, forderte Lupa ­ungerührt zu wissen.
Kiri sah dem Wolfswesen nachdenklich in die Augen. Es war schwer zu sagen, ob sie mit ihrer Entschuldigung auch bei Lupa gepunktet hatte. Am besten sie blieb so nah bei der Wahrheit wie möglich.
„Ich war in einem Zimmer. Comes lag neben mir. … Er hat mich nicht angefasst!“, sagte Kiri schnell, erneut zu ihren Eltern blickend.
Jan lächelte ihr aufmunternd zu. Anscheinend hatte sie zumindest wieder das Vertrauen ihrer Mutter gewonnen.
Kiri zuckte unbeholfen mit den Schultern und gestattete sich, rot zu werden, als sie flüsterte: „Aber ich liebe ihn.“
Dem japanischen Mädchen war bewusst, dass es sich mit dieser ­Aussage auf sehr dünnem Eis bewegte. Zum einen riskierte sie das eben gewonnene Vertrauen ihrer Mutter. Zum anderen wusste sie, dass dieses Wolfspack nichts mit dem Wort Liebe anfangen konnte. Aber, und darauf setzte Kiri all ihre Hoffnung, Devid war anwesend. Der Vampir in menschlicher Gestalt wusste, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen. Lupa würde fühlen, dass sie die Wahrheit sagte! Und das wiederum würde womöglich die eine oder andere Lüge ebenfalls zur Wahrheit werden lassen!
„Unsinn. Dafür bist du zu jung“, zischte ihr Onkel Jin sofort.
Devid murrte Unverständliches und verdrehte die Augen. Shang ­verschränkte räuspernd seine Arme vor der Brust und Jan spitzte ­unzufrieden ihre vollen Lippen. Anscheinend war über diesen Punkt schon ausreichend vor ihrer Ankunft diskutiert worden. … War das gut?
„Ehrlich“, flüsterte Kiri und senkte anscheinend beschämt den Blick.
„Und das neue Kleid?“, fragte Lupa ganz offensichtlich unbeeindruckt.
Überrascht sah das zierliche Mädchen die Wolfsfrau an. Wenn ihre Mutter diese Frage gestellt hätte, hätte sie das noch verstanden. Jan kannte schließlich all ihre Kleider. Aber woher wusste Lupa, dass dieses Kleid nicht ihr gehörte?
„Seine Mutter hat es mir geschenkt. … Meines … war kaputt“, ­flüsterte sie und sah erneut beschämt zu ihrer Mutter hinüber.
„Er …“, fragte ihr Vater entgeistert.
„Er war ungeschickt beim Beißen. Wir haben viel Blut am Wald­boden gefunden. Bei all dem Blut muss ihr Kleid darin getränkt ­gewesen sein“, erklärte Devid schnell, um jede mögliche Anschuldigung von vornherein auszuschließen.
Kiri lächelte dankbar. Wenn sie vieles erwartet hatte, aber dass ­Devid auf ihrer Seite stand nicht.
„Kiri“, murmelte Lupa eindringlich, „das ist genug. Ich mag deine Geschichte. Wirklich. … Das Problem ist, ich weiß, dass es nur eine Geschichte ist. Du warst bei diesem Vampir zuhause. Drei Dinge sprechen gegen deine Geschichte. Wenn du wirklich hier in der Nähe aufgewacht wärest, in irgendeinem Raum, hätte seine Mutter wohl kaum ein passendes Kleid für dich parat gehabt. Zweitens, wenn der Vampir mit dir wirklich nur in irgendeinem unbenutzten Raum Zuflucht vor dem Sonnenaufgang gesucht hätte, dann hättest du nicht gewusst, dass wir mit dir so schnell wie möglich sprechen wollen und dich erwarten. Und drittens sagt mir mein Gefühl, dass es kaum Zufall sein kann, dass gerade du an Macht gewinnst.“

Comes öffnete in menschlicher Gestalt die Tür zu jener ­Wohnung, die sie angeblich in Deutschland bewohnten, als gerade aus der Abstellkammer seine Mutter Aurea dicht gefolgt von Pax und Ventus sowie Anima und Ignis stürmten. Natürlich waren sie nicht in der Abstellkammer gewesen. Es war nur der Durchgang zu ihrem Schloss, den Comes eben noch selbst benutzen hatte wollen.
„Was macht ihr hier?“ fragte der junge Vampir erstaunt.
„Wie geht es Tecum?!“, keuchte seine Mutter aufgeregt und packte ihn schmerzhaft an der Schulter.
Irritiert konzentrierte sich Comes auf das Band zwischen ihm und seiner Erwählten. Sie war nervös. Aber das war sie schon die ganze Zeit über gewesen. Das bedeutete nur, dass sie immer noch ihren ­Eltern Rede und Antwort stehen musste.
„Unverändert. Ihre Mutter dürfte sehr streng sein“, murmelte der junge Vampir und sah seinen Onkel Pax irritiert an.
Der hagere Vampir hielt Ignis zwei Eisklingen entgegen, der vor­sichtig eine bläuliche Flüssigkeit auf den Klingen verteilte. … Was hatte das zu bedeuten? Warum vergifteten sie die Waffen? Warum waren sie großteils für den Kampf gerüstet?
„Comes, deine Erwählte befindet sich in großer Gefahr!“, flüsterte seine Mutter eindringlich und zerrte ihn bereits zum Ausgang.

„Comes hat nur noch seine Eltern! Er ist ganz allein!! Er gehört keinem mächtigen Clan an!!!“, wimmerte Kiri verzweifelt und sie verfluchte ihre Andersartigkeit, weshalb sie nicht mehr weinen ­konnte.
Tränen wären jetzt genau das gewesen, was sie gebraucht hätte. Das Wolfswesen saß ihr immer noch mit geradem Rücken, neutralem Blick und unbewegter Miene gegenüber.
„Dein Clanzeichen, ich will es sehen“, erklärte Lupa kühl.
Ihr was? Kiri hob erstaunt die Augenbrauen. Sie verstand nicht.
Es war erneut Devid, der mit ruhiger, besänftigender Stimme ­murmelte: „Ganz ruhig, Kiri. Es ist dir in der Hektik wahrscheinlich entgangen. Aber seit du ein Mitglied eines Clans bist, trägst du auch sein Clanzeichen an deiner linken Brust, über deinem Herzen.“
Nein!
Kiri stand auf und umklammerte schützend sich selbst.
„Meine Tochter wird sich hier nicht nackt ausziehen“, knurrte Shang entschieden.
Aber auf ihren Vater hörte anscheinend niemand. Lupas Augen ­bekamen plötzlich einen anderen Ausdruck und ihr Blick flackerte zum Fenster hinüber. Kiri fühlte es ebenfalls, irgendetwas passierte da draußen. Ohne Vorwarnung stand sie auf und griff nach dem ­japanischen Mädchen. … Lupa war schnell, aber Kiri mittlerweile auch. Ohne über die Folgen nachzudenken, kehrte das Kind sein zweites Gesicht nach außen und wich der zarten Hand im letzten Moment aus. Der Himmel schien sich zu verfinstern. Ein Gewitter? Kiri wollte ihr Glück nicht in Frage stellen und katapultierte sich an Lupa vorbei auf das Fenster zu. Sie wappnete sich, die Scheibe zu durchbrechen, aber stattdessen wurde sie grob zu Boden gerissen. Entsetzt schrie Kiri auf, als Serpens sie an den Armen packte und wieder hochzerrte, bis sie keinen Boden mehr unter den Füßen hatte und hilflos in seinem Griff in der Luft hing. Die anwesenden Fera-Krieger waren ebenfalls aufgestanden und Tigraru hielt sogar zwei ihrer Wurfsterne kampfbereit in den Händen. Der gewaltige ­Drachenkrieger hielt Kiri Lupa entgegen.
„Diffuge!“, brüllte Kiri verzweifelt mit aller Kraft.
Für einen kurzen Moment sah sie Angst in den Augen der Wolfsprinzessin aufblitzen. … Aber nichts passierte. Gar nichts! Ungläubig starrte das junge Vampirmädchen Lupa in die Augen. Wie konnte das sein? Levis hatte ihr doch diverse Bannsprüche genannt!
„Dormi!!“, keuchte sie mit großen Augen, aber auch jetzt geschah nichts.
Die Zeit schien für einen Moment lang stillzustehen.
„Ich deute das einmal als gutes Zeichen, dass du wirklich aus einem schwächlichen Clan stammst“, knurrte Lupa und packte den Kragen ihres grauen Kleides.
Kiri entfuhr ein entsetzter Schrei, als das Wolfswesen ihr das Kleid einfach so bis zur Hüfte aufriss. Ihr Vater wollte sofort zu ihr, aber ihre Mutter hielt ihn zurück. Das zierliche Vampirmädchen sah ­hilfesuchend zu Devid hinüber. Aber der braunhaarige Junge sog nur angespannt die Luft zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen ein und kehrte sein wahres Gesicht nach außen.
Fast zeitgleich hörten sie Columba brüllen: „Wir werden angegriffen!“
„Eine Astutus!“, knurrte Nox und erschuf ein Eisschwert in seiner Hand.