Fera V – Das kalte Grab

Tamara hat sich ihren Platz als Anführerin des Fera-Teams der nächsten Generation würdig erkämpft. Sie ist all das, was sich ihre Prinzessin erhofft hat. Auch wenn ihre Loyalität einen hohen Preis hat. Das Leben eines doch so unwürdigen und gefährlichen Geschöpfes wie Nox es ist.

Gut gemeint, aber misslungen. Durch unbedachte Worte wird ein Wesen aus vergessener Zeit aus seinem tiefen Schlaf geweckt. So lange hat diese sagenumwobene Gestalt auf Vergebung gehofft. Da nichts ist, wie sie es sich erwartet, niemand mehr lebt, der in ihren Augen würdig ist zu leben … will sie die Welt in Sturzfluten ertränken.
So mancher muss gegen sich selbst ankommen, unbekannte Seiten an sich kennenlernen und es irgendwie schaffen mit der neuen Situation klar zu kommen.

Mit diesem Feind aus längst vergangenen Zeiten ist es plötzlich gar nicht so schlecht, ebenfalls ein mächtiges Wesen aus dieser Zeit abrufbereit zu haben. … Nur zu dumm, dass sich Nox weigert ein nützliches Werkzeug zu sein und seine eigenen Pläne schmiedet.

Leseprobe:

Wehmütig holte Leokiro tief Luft. Es war lange her, dass er eine Vision empfangen hatte. Demnach stand ihnen erneut ein Kampf bevor. Waren ihnen nicht einmal zwei Jahre Frieden gegönnt?
Für einen Moment flackerte das Gesicht eines lachenden Mädchens in seinem Kopf auf. … Ja, das war es, was ihn jetzt eigentlich interessierte. Er war fast 18 und die Sommerferien hatten vor einer Woche begonnen. Er hatte vorgehabt sie noch einmal anzusprechen. Vielleicht würde sie ihre Meinung ändern und doch noch mit ihm ausgehen. … Nein. Dafür war jetzt keine Zeit mehr. Vielleicht nach den Kämpfen. Sie konnten ja nicht ewig andauern. Oder vielleicht ging sich eine kleine Romanze noch vor den Kämpfen aus??
Die Vision jedoch zerschmetterte diesen kleinen Hoffnungsschimmer sofort. In einer Ecke saß Christin. Ihr glänzendes schwarzes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis zur Hüfte reichte. Eine jede ihrer Haarsträhnen saß perfekt. Ihre Kleidung immer professionell. Als Stabschefin erlaubte sie sich genauso wenige Fehler wie als Prinzessin. Ihr Gesichtsausdruck leer, so wie immer, wenn sie niemandem Gefühle vorspielte. Wenn sie lächelte, war sie wunderschön. Eine 20-jährige Frau in der Blüte ihres Lebens. Aber jeder, der sie wirklich kannte, wusste, dass keines ihrer Lächeln echt war. Sie sah keinen Tag älter aus, als er sie zuletzt gesehen hatte. Die Kämpfe würden bald beginnen.
Leokiro sah sich genauer um. Es war wichtig, dass er so viele Informationen wie möglich in Erinnerung behielt. Der Löwenkrieger befand sich anscheinend in Christins Schlafzimmer im Gläsernen Palast. Die schweren Vorhänge waren zugezogen und niemand außer ihr befand sich im Raum. Was wollte ihm die Natur hier zeigen? Plötzlich sackte Christins Kopf nach vorne und sie fing hemmungslos zu weinen an. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Armen und begann zu schluchzen.
Leokiro riss seine Augen weit auf. Christin weinte? Ja, sie konnte weinen, wenn sie es beabsichtigte, um menschlich zu erscheinen. Aber hier war niemand, dem sie die Tränen vorspielen konnte. Konnte es sein, dass sie wirklich weinte? Was musste passieren, um von Christin eine derartige Gefühlsregung zu erhalten?! Die Familie der Nebulas war nicht fähig zu fühlen!
Bevor Leokiro sich weiter darüber den Kopf zerbrechen konnte, veränderte sich alles um ihn herum. Er befand sich auf einem Gang des Gläsernen Palastes, vor den Besprechungszimmern. Christin, ihr Sicherheitsberater und zwei Stabsmitglieder standen beieinander. Beide redeten eindringlich auf die Stabschefin ein, sie waren sich nicht einer Meinung und erwarteten ganz offensichtlich, dass Christin ein Machtwort sprach und eine Entscheidung traf. Aber die junge Stabschefin stand mit dem Rücken an der Wand und brachte kein Wort heraus.
Der Löwenkrieger presste die Lippen aneinander. Was musste passieren, dass Christin derart handlungsunfähig wurde?
Das Bild vor seinen Augen verschwamm erneut und er fand sich in einem der Gästezimmer des Gläsernen Palastes wieder. Zu seiner Erleichterung sah er Christin in der Tür stehen und dieses Mal sah sie alles andere als verunsichert aus. Sie lächelte breit und siegessicher. Wie sie dastand, wie sie ihren Kopf stolz hielt! Das war eine Prinzessin, wie sie die Welt brauchte!
„Das kannst du vergessen“, brummte eine bekannte Stimme hinter ihm.
Leokiro drehte sich um und starrte einem schlecht gelaunten Dean ins Gesicht. Er wühlte in einem Koffer mit Kleidung herum. War er dabei aus- oder einzupacken? Schwer zu sagen, in einem derart unordentlichen Zimmer.
Dem Löwenkrieger wurde kurz schwindlig, als Christin direkt durch ihn hindurchging und sich vor Dean stellte. Der Amerikaner beachtete sie jedoch kaum und durchwühlte weiterhin seinen Koffer.
„Ich werde alles tun, was du möchtest. Vergiss sie“, flüsterte die schwarzhaarige Frau und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Leokiro rümpfte die Nase. Was sollte das jetzt? Lief Christin diesem Frauenheld etwa hinterher? Ja, Dean war ein toller Kumpel und ein ausgezeichneter Kampfsportler. Aber die Frauen lagen ihm zu Füßen und er flirtete mit allem, was einen Rock trug. Das war gewiss nicht die richtige Wahl für eine Stabschefin, ganz zu schweigen für eine Nebula Prinzessin!
Zu seinem Entsetzen verwandelte sich Christin in Prinzessin Nebula Lupa und ließ sich langsam neben dem Koffer auf das Bett sinken.
„Wer ist interessanter?“, fragte die Wolfsfrau im Flüsterton und strich sich ihr langes, schwarzes Haar aus dem nur noch zum Teil menschlichen Gesicht.
Ihre Augen waren nun nicht mehr dunkles Rehbraun, sondern strahlend blau und besaßen eine unergründliche Tiefe. Ihre markanten Wangenknochen, die schwarze Wolfsnase, die hohe Stirn und vor allem die spitzen Ohren sagten nur zu deutlich, dass sie kein menschliches Wesen war. Die Kleidung an ihrem Körper war aus feinster, blauer Seide und nicht durch Menschenhand geschaffen. Nirgendwo war eine Naht zu sehen und der Stoff saß zu perfekt. Ja, dieses Wesen war wunderschön und faszinierte die Menschen. Aber Dean war wohl der Einzige, der bei ihrem Anblick auf andere Gedanken kam.
Doch zu seiner Überraschung stimmte das Angebot den Amerikaner nicht milde. Ganz im Gegenteil! Der junge Mann packte den Koffer und warf ihn nach ihr. Er begann in seiner Muttersprache zu schimpfen und zu fluchen und stürmte dann aus dem Zimmer.
Verdattert fand sich Leokiro bereits in der nächsten Vision. Christin lehnte an der Wand ihres Wohnzimmers im Gläsernen Palast und starrte hinaus in den verregneten Garten. Ihr Vater Viktor stand bei ihr und redete eindringlich mit ihr. Der große Mann sah besorgt aus, seine Stirn lag in Falten und immer wieder strich er sich durch sein schwarzes Haar, das erste Anzeichen von hellem Grau zeigte. Leokiro konnte die genauen Worte nicht ausmachen, aber sie konnten nicht so wichtig sein, denn die schwarzhaarige Frau schenkte ihnen keine Beachtung. Keine Regung in ihrem Gesicht. … Das war so gar nicht Christin, wie er sie kannte. Niemals hätte sie ihren Vater ignoriert! Viktor hatte immer ausgezeichnete Einfälle und verstand etwas von Strategie.
Von einem Moment auf den nächsten wandte sich Christin von dem großen Fenster ab und schlug Viktor ins Gesicht. Der Schlag an sich konnte dem gestandenen Mann nicht wirklich weh getan haben, aber in seinen dunklen Augen spiegelte sich der Schmerz.
Als ob es nicht noch schlimmer kommen könnte, hörte Leokiro seine verehrte Prinzessin im kühlen Tonfall sagen: „Was kümmert mich die Menschheit? Wenn Dean mich nicht mehr will … dann kann er mit der Menschheit auch zu Grunde gehen.“
Der Fera-Krieger stand mitten in der Stadt. Der Himmel war wolkenlos und die strahlende Sonne blendete ihn fürchterlich. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum schickte ihn die Natur von einem Ort zum nächsten? Warum zeigte sie ihm all diese verwirrenden kurzen Szenen? Warum konnte sie ihm nicht die Zeit lassen, die er gebraucht hätte, um zumindest eine dieser Visionen zu verstehen? Aber nein, er wurde bereits in die nächste Vision gestoßen! Leokiro kniff die Augen zusammen und versuchte sich zu konzentrieren. Er erkannte, dass er sich an einem Kampfplatz befand. Alle Krieger waren um ihn versammelt. Den Feind konnte er nicht ausmachen. Allerdings fielen ihm gewaltige Wasserpfützen am Asphalt auf. Und zwischen zwei zertrümmerten Autos konnte er … war das ein Opfer?! Ein fleischiges Etwas lag in einer gewaltigen Blutlacke. … Da war eindeutig eine Hand zu erkennen … aber auch … waren das Schuppen?
„Was sollen wir tun?!!“, knurrte Ursana aufgebracht.
Leokiro schenkte dem bizarren Opfer noch einen Moment seiner Aufmerksamkeit und sah dann hinüber zu der Bärenkriegerin, die vor Prinzessin Nebula Lupa stand. Die Fera-Kriegerin stampfte aufgebracht mit dem Fuß auf. Ihre hellbraune, ledrige Kampfkleidung wirkte mitgenommen, der Rock aus weichem Leder hing nur noch in Fetzen an ihr herunter. Eine blutige Wunde an ihrer Wange sah furchtbar aus. Die Schmerzen mussten entsetzlich sein.
„Sollen wir hinterher?“, verlangte Angua angespannt zu wissen.
Die Anführerin des Fera-Teams sah jedoch nicht viel besser als Ursana selbst aus. Ihre grün-schwarze Hose war zerschlissen und blutgetränkt. Die glatte, grüne Haut war zerschunden und ihr linkes Auge war zugeschwollen.
Lupa starrte die Schlangenkriegerin mit großen Augen an und machte einen Schritt rückwärts. Die Wolfsprinzessin sah völlig überfordert aus!! Dabei war sie die Einzige von all den Kriegern, die noch nicht einmal einen Kratzer abbekommen hatte!
Ursen brach zusammen und wurde von seiner Zwillingsschwester Ursana auf den Rücken von Zentos verlegt. War das eine eisige Wunde an seiner Brust? Waren erneut Vampire ihre Feinde? Hatte Nox sie hintergangen?!!
„Soll ich ihn zum Licht allen Anfangs bringen? Tigraru kann diese Wunden nicht heilen!“, murmelte der Zentaure, aber auch er erhielt keine Antwort von Prinzessin Nebula Lupa.
Sie stotterte nur herum. … Sie wirkte so furchtbar fehl am Platz!
„Lasst sie. Sie ist keine Hilfe. Ich übernehme das Kommando. Zentos und Ursana, ihr bringt Ursen in den Schuppen. Dich Lupa, will ich hier nicht mehr sehen! Der Rest folgt mir!!“, erklärte ein unbekannter Krieger.
Der Fremde trug eine dunkle lederne Rüstung und ein langes Schwert am Rücken. Sein pechschwarzes Haar war zerzaust, doch seine spitzen Ohren waren zu sehen.
Zu Leokiros Entsetzen zögerte das Team nicht eine Sekunde und befolgte die Anweisungen.
Lupa blieb zurück. Alleine … verängstigt … absolut fehl am Platz.