Fera IV – Die vierte Art

In Band vier erleben wir Anschela als junge Erwachsene, als Mutter und Ehefrau. Sie geht nun ihren eigenen Weg und neigt vor niemandem mehr ihr Haupt. Zu lange hat sich Anschela den Wünschen anderer gebeugt. Mit dem ist jetzt Schluss!

Anschela und Jack beginnen eine gemeinsame Zukunft. Zwar sieht es für die beiden gut aus, doch Anschela fürchtet ständig das erneute Erscheinen der Prinzessin der Winde. Ist ihr Geliebter tatsächlich von der Liste gestrichen?
Als ihr gemeinsamer kleiner Sohn Mathias aus seinem Bett entführt wird, muss Anschela erneut gegen sich selbst und ihre widerwärtigen Rachegelüste kämpfen. Und auch wenn das jugendliche Fera-Team sich voller Zuversicht in den Kampf stürzt, zeigt sich schnell, dass dieser Feind sich von allen anderen Gegnern unterscheidet. Sie waren schon immer ein Teil dieser Welt und ihr Wissen reicht weit zurück. Auch ist Schwarz nicht gleich Schwarz und die Anführerin des Fera-Teams sieht sich in einem Gewissenskonflikt.

War bisher Anschela die Anführerin des Fera-Teams, so muss sich nun ihre kleine Schwester Tamara beweisen. Das Fera-Team steht ihr mutig zur Seite, doch ihren Weg muss sie selbst finden. Von Beginn an wird klar, dass es auch für sie nicht leicht sein wird, die Wünsche ihrer Prinzessin auszuführen und zugleich auf ihr eigenes Herz zu hören. Sie möchte unter gar keinen Umständen wie ihre große Schwester zwischen die Fronten geraten … doch das wird gar nicht so einfach.

Leseprobe:

Zur selben Zeit sah sich Levis skeptisch um. Hier sollte es sein? Eine einfache Berghütte sollte die berühmte Festung der Fera-Krieger sein? Besser wäre es! Er würde seinem Cousin Nox sonst die Hölle heiß machen. Es fuhren keine Skilifte mehr und er hatte sich bis ganz nach oben durch dieses irrsinnige Schneegestöber kämpfen müssen. Er war nass, sein dicker, schwarzer Mantel steif und ein jeder seiner Muskeln schmerzte. Etwas Gutes hatte der herumwirbelnde Schnee ja, niemand würde seinen Spuren folgen können. … Vorausgesetzt er schaffte es das Geheimversteck wieder zu verlassen.
Doch Nox war zuversichtlich gewesen. Der jüngere Vampir hatte sich für Tage mit einem starken Getränk vollgepumpt, das zwar widerlich roch, aber auch den Ort von gesuchten Dingen preisgab. Nachteil an dem Gebräu: Es schwächte den Vampir bis aufs Äußerste und es würden noch Tage vergehen, bevor er wieder im vollen Besitz seiner Kräfte war.
Aber das machte ja nichts. Warum auch? Man konnte ja Levis hinaus in die kalte Welt schicken. Mitten hinein in das Nest des Feindes. War doch egal, dass er mit Abstand der Schwächste im Clan war. … Noch gehörte er nicht zu dem Clan der Dignus. Er war zwar der Enkel des Clan-Führers, aber seine Eltern hatten sich vor vielen Jahren abgewandt. Die kleine Familie hatte eigentlich ein ganz ein nettes, abgeschiedenes Leben geführt. Doch seine Eltern waren vor zwei Jahren ums Leben gekommen, wenn er mit seinen 23 Jahren nicht alleine durch die Welt stolpern wollte, musste er es schaffen die Gunst seines Großvaters zurückzuerlangen. … Noch war er entbehrlich. Aber wenn er sich heute Nacht nicht zu blöd anstellte, dann würde ihn das sicherlich seinem Ziel, ein Dignus zu werden, näher bringen.
Der schwarzhaarige Vampir rieb sich frierend die Hände und sah tief ausatmend zu der Berghütte hinüber. Es brannte immer noch Licht, das störte ihn. Es war doch mitten in der Nacht! Aber er konnte nicht noch länger warten. Die Sonne würde in zwei Stunden aufgehen. Die Morgendämmerung war gefährlich. Der Schnee würde das Licht reflektieren, kein Schatten würde ihn retten können. Wenn er den Jungen wollte, dann jetzt.

„Wirst du jetzt doch nervös?“, fragte Viktor leise.
Die Lippen seiner Tochter waren schmal geworden und ihr Blick schien sich im Muster des weichen Teppichs verloren zu haben.
„Irgendetwas stimmt nicht“, murmelte sie und ging sogar so weit sich ihr seidenes Kleid zurechtzustreifen.
Ihr Vater hob erstaunt die Augenbrauen. Er konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal derartig verwirrt gewesen war. Für gewöhnlich bemerkte man es nicht, wenn sie etwas sorgte.
Plötzlich klirrten Scherben im oberen Stockwerk. Christins Augen wurden zu zwei schmalen Schlitzen und ihre Hände zu Fäusten. Aber sie blieb unverwandelt. Ihre Identität war zu wertvoll, um sie wegen eines Geräusches zu riskieren. Warum hatten sie sich auch für eine Berghütte mit riesigen Fenstern entschieden? Die halbe Welt konnte sie problemlos beobachten!!
Aber ihre Cousine Anschela war aus ihrem Schlaf auf der Couch hochgeschreckt und in der nächsten Sekunde lief sie dicht gefolgt von ihrem Mann Jack die Treppe hoch. Viktor war hin und hergerissen. Er wollte auch hoch. Doch sollte es sich wirklich um einen offenen Angriff der Agenten handeln, dann würde er da oben nichts ausrichten können. Er war zu alt geworden, nur noch sein Wissen war von Wert. Sein Platz war an Christins Seite.
Anschela schrie hysterisch auf und Jack begann zu fluchen.
Viktor folgte Christin hoch in den ersten Stock. Es war nun klar, dass es nicht zum Kampf kommen würde. Am liebsten hätte er seine Tochter zur Seite gestoßen, um sich an ihr vorbeizudrängen. Musste sie so langsam gehen?
Sie blieben in der Tür zu Mathias Zimmer stehen. Kalter Wind blies durch das zerbrochene Fenster herein und zerrte am Vorhang. Scherben lagen am Boden verteilt. Anschela saß mit großen Augen am Boden und starrte hinaus in die Finsternis.
Viktor war sofort bei ihr und nahm sie ohne nachzudenken in den Arm. Er wusste, dass es seiner Tochter nicht recht war. Ihm war klar, in welche Gefahr er sich womöglich begab. Mathias war weg, wohl entführt worden. Anschelas Atem ging schnell und ihre Muskeln waren verkrampft. Sie war am Kippen. Die Prinzessin der Winde würde diese Situation ausnutzen, Anschela war innerlich verletzt. Wenn die Prinzessin der Winde es schaffte zu erwachen, würde es ein Blutbad geben. Aber das hier war Anschela. Sie musste nur lange genug sie selbst bleiben. Wenn ihr Mann den Jungen zurückbrachte, dann würde alles wieder in Ordnung sein.
„Sie haben ihn mir weggenommen. … Wie können sie nur?? Viktor, er ist doch nur ein kleiner Junge!“, keuchte sie und begann zu zittern.
Ja, sie war wütend. Sie wollte sich ihrer Verzweiflung nicht hingeben, aber genauso wenig durfte sie ihrem Zorn nachgeben.
„Ich bitte dich“, versuchte der schwarzhaarige Mann sie ruhig zu stimmen, „wie weit werden sie kommen? Die Agenten sind nervig, aber nur Menschen. Menschen in schwarzen Kostümen, mehr nicht. Was können sie schon von einem kleinen Jungen wollen? Ich meine, er weiß ja noch nicht einmal selbst, dass er sich verwandeln kann.“
„Ja … warum haben sie ihn mitgenommen?“, grübelte Christin laut nach und trat ans Fenster.
Viktor zuckte mit den Schultern und murmelte: „Vielleicht wollten sie nur herausfinden, ob die Stabschefin selbst hier am Berg von Kriegern beschützt wird.“
Anschela holte zitternd Luft und fauchte: „Dazu haben sie verdammt noch einmal kein Recht! Serpens wird …“
Viktor drückte sie nur noch fester an sich und strich ihr beruhigend über den Kopf. Er wollte diese Worte nicht aus ihrem Mund hören. Sie war bei Sinnen, ganz gewiss. Das war nur ganz normale Wut, die da aus ihr sprach. Ohh … diese dummen Kinder! Diese Agenten wussten nicht, mit wem sie sich anlegten. Sollte Anschela sich selbst in ihrer Wut verlieren, dann würde ihr Rachefeldzug gegen diese kindische Organisation blutig enden.
„Ich schicke Vanessa und Manuel hinterher … Angua ist auf halbem Weg nach oben. Sie wird ebenfalls helfen“, meinte Christin und verließ das Zimmer, um ihre beiden Krieger zu wecken.

Serpens war völlig außer Atem. Die Kälte setzte ihm zu. Er war nicht hierfür geschaffen. Feuer und Hitze konnten ihm kaum etwas anhaben. Aber diese eisige Kälte raubte ihm den Atem. Der Schnee nahm ihm die Sicht. Er fühlte sich schnell desorientiert und hilflos.
Sein Sohn! Wie konnten sie es wagen ihm seinen Sohn zu nehmen?! … Woher wussten sie es? Was bezweckten sie damit? … Wie weit würden sie gehen?
Verzweifelt stolperte er über die Pisten. Zu Beginn war er einer deutlichen Spur gefolgt, aber mittlerweile hatte er sie in dem dichten Schneegestöber verloren. Das hatte so keinen Sinn. Er konnte niemanden hier verfolgen. Er musste alles anders machen. Nachdenken! … Wo würden sie ihn hinbringen? Gab es hier in der Nähe einen ihrer Stützpunkte? Sie hatten bereits drei ausfindig gemacht. Zwei waren im Panjoa-Zentrum und eines im Trimium-Zentrum. Aber gab es hier eines? Sie waren hier im Sichale-Zentrum, knapp an der österreichischen Grenze. Wenn es hier einen Stützpunkt gab, dann kannte er ihn nicht.
Serpens hob den Kopf und strich sich sein langes, rotes Haar nach hinten. Seine Lungen schmerzten, Sauerstoff schien knapp zu werden. Der eisige Wind bließ sein hüftlanges Haar nach allen Seiten. Winzige Eiskristalle kratzten über seine dunkle Haut. Es war nur Schnee … aber es fühlte sich wie hunderte feine Nadelstiche an.
Stockend holte er Luft. … Er musste keinen Stützpunkt hier in der Nähe kennen. Es reichte völlig aus, wenn er irgendeinen kannte. Ohne noch eine weitere Sekunde zu vergeuden, gab er es auf im Schneegestöber die Verfolgung aufzunehmen. Er lief so schnell ihn seine Beine trugen hinunter ins Tal, verwandelte sich am Bahnhof zurück und stieg in den nächsten Schnellzug ein.
Die folgenden 20 Minuten vergingen unerträglich langsam. Jack hatte sich in ein kleines Abteil gesetzt, um den Blicken anderer Passagiere aus dem Weg zu gehen. Je weniger ihn sahen, desto besser. Doch mittlerweile bereute er seine Entscheidung. Er brauchte Platz. Die Wände schienen ihn einzuengen. Die völlig überhitzte Luft war stickig und das an seinem vorbeiziehenden Fenster hereinleuchtende Licht machte ihn wahnsinnig.
Als der Zug endlich stehenblieb, hechtete Jack quer über den Bahnhof. Kaum hatte er das Gefühl unbeobachtet zu sein, verwandelte er sich erneut in Serpens und dann hielt ihn nichts mehr zurück.
Sein Ziel war ein mit Stacheldrahtzaun abgesperrtes Gebiet. Angeblich gehörte es dem Militär, aber Viktor hatte sich schlau gemacht, dieses Grundstück tauchte nirgendwo in den Papieren auf. Christin nahm an, dass irgendwer mit Geld geschmiert wurde. Aber sie hatten nichts dagegen unternommen. Es war von Vorteil zu wissen, wo sich ein potenzieller Feind aufhielt. Wenn sie ihn vergraulten, würde er nur an einem anderen Ort seine Zelte aufschlagen.
Serpens rief nach seinem Schwert, zerfetzte den Maschendrahtzaun und stürmte auf das Gelände. Seine an die Finsternis gewöhnten Augen erfassten sofort eine weibliche Person. Sie schien gerade mit irgendjemandem so laut sie konnte zu schimpfen. Mit wem, konnte er nicht sagen. Egal, sie war abgelenkt.
Der Drachenkrieger stürmte auf sie zu, packte sie und während er sie mit sich nach draußen durch das Loch im Zaun schleifte, entwaffnete er sie. Zumindest wehrte sie sich nicht großartig. Er bemerkte ihre panischen Blicke. Gut, sie hatte Angst. Das würde es ihm erleichtern an Antworten zu kommen.
Er blieb erst mit seiner Geisel stehen, als er bei einem kleinen zugefrorenen Teich ankam. Das war genau das, was er jetzt brauchte. Ohne zu zögern, trat er das dicke Eis ein und drückte die Frau komplett unter Wasser. Er hatte nicht viel Zeit. Bestimmt waren ihm andere Agenten auf den Fersen. Er sollte ruhig bleiben, sie musste bereit sein ihm zu antworten.
Als er bis 15 gezählt hatte, zerrte er sie an den Haaren wieder an die Oberfläche. Sie rang gierig nach Luft und versuchte aus dem Wasser zu klettern. Er hielt sie erbarmungslos im Wasser fest.
Erst, als sie ihn mit ihren dunkelblauen Augen panisch anstarrte, knurrte er bedrohlich: „Meinen Sohn. Jetzt!“
Sie sah ihn völlig verwirrt an. Gut, sollte sie doch unter Wasser weiter nachdenken. Er tauchte sie erneut unter. Dieses Mal länger. Er gab ihr ein paar Sekunden, um Luft zu holen, dann starrte er sie erneut mit seinen pechschwarzen Augen an. Er wusste, dass seine vollkommen schwarzen Augen vielen Menschen Angst machten.
„Mein Sohn wurde heute entführt. Wenn ich ihn nicht sofort wieder bekomme, bin ich euer kleinstes Problem!“, knurrte er und zog sie ein Stück an sich heran.
Sie war starr vor Schreck. Ihr langes, blondes Haar klebte an ihrem blassen Gesicht. Ihre Lippen waren blau und sie holte kaum noch Luft. Wenn sie in Ohnmacht fiel, war alles umsonst gewesen.
„Ich … ich weiß nichts von einer Entführung“, keuchte sie, als er sie unsanft am Kragen zu schütteln begann.
„Frag deine Freunde“, fauchte er aufgebracht und zerrte sie ganz aus dem Wasser.
Er ließ sie los und die Frau fiel in den Schnee. Sie starrte ihn von unten mit großen Augen an. Er hatte kein Mitleid für sie über. Seit zwei Jahren fielen ihnen die Agenten immer wieder ungut auf. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ein ernstzunehmendes Problem darstellten. Sie hatten die Krieger lange genug gereizt, jetzt mussten sie mit den Konsequenzen leben.
Ihre Hand zitterte, als sie in einer ihrer Taschen der weiten Hose griff und ein Handy herauszog. Mist! … Wenn es durch das eisige Wasser kaputt geworden war … Nein, es läutete.
Er schenkte ihr ein kaltes Lächeln und hockte sich neben sie. Sie würde es nicht wagen, etwas Falsches zu sagen.
„Poison, was gibts?“, hörte er eine weibliche Stimme gelangweilt fragen.
Tatsächlich brauchte seine Geisel zwei Anläufe, bevor sie ein Wort herausbekam.
„I … ch … Ich muss wissen … wurde heute ein Kind entführt?“, presste die Frau vor ihm bebend heraus.
„Ein Kind? Wozu? … Ich schau einmal nach. … Mhh… Nein. Zumindest nicht geplant. Eve beschattet ein Stabsmitglied, der hat Familie. Aber es ist keine Entführung angeordnet worden“, murmelte die unbekannte Frau.
„Schau bitte gründlich!!“, donnerte die blonde Frau zu seinen Füßen.
„Poison, alles in Ordnung?“, fragte die Person am anderen Ende der Leitung.
„Nein! … Nein. Ich …“, wimmerte sie und sah Serpens Hilfe suchend an.
Er nickte, sollte sie ihre Lage doch ruhig schildern.
„Der eine rothaarige Krieger, er hat mich verschleppt. Er sagt, dass sein Sohn eben entführt worden ist. Er will ihn wieder haben. … Bitte, schau noch einmal nach!“, flehte die Agentin.
„Ist er bei dir? … Ach du meine Güte! … Poison, es tut mir leid, ich habe hier wirklich keine Informationen zu einer Entführung. Nichts, das auch nur annähernd passen würde!“, keuchte die Fremde aufgeregt.
Serpens musste sich zusammenreißen. Er wollte zurück zum Stützpunkt und dort alles kurz und klein schlagen. Er wollte die Agentin mit sich nehmen und als Druckmittel für weitere Informationen benutzen. … Es gab nur ein Problem. Er glaubte ihr.
Er stand auf, drehte ihr den Rücken zu und ging. Er kam nicht weit, bevor er auf heraneilende Agenten stieß. Sie hatten wohl ihr Handysignal geortet. Er blieb einfach zwischen den Bäumen still stehen und verharrte regungslos. Sie liefen praktisch an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen. Menschen waren so blind, wenn sie dachten zu wissen, wo der Feind zu sein hatte.