Fera I – Die vergessenen Krieger

Das Abenteuer beginnt … so unscheinbar.

Karin Schneider, ein Mädchen wie jedes andere. Zumindest war sie das bis jetzt. Ihr Erbgut besagt da etwas anderes. Ein mysteriöser Kater, der davon weiß, lässt auch nicht mehr von ihr ab. Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt.
Wie lange wird Karin brauchen, um zu erkennen, dass dieser Kater ihr Wächter ist, der Karin zu ihrer verborgenen Macht verhelfen will. Anders kann sie unmöglich die Welt vor Magnus Imperator Telluris und seinem Gefolge beschützen.
Die Zeit drängt, der Gegner hat sich bereits weit verbreitet.

Ein Team aus gleichgesinnten muss gebildet, den eigenen Ängsten mutig entgegengetreten werden. Begib dich zusammen mit Karin, Martin und ihren Freunden auf diese spannende Reise ins Ungewisse. Es sind die ersten Schritte dieser fantastischen Geschichte … in eine ungewisse Zukunft voller Gefahren und Herausforderungen.

Leseprobe:

Siehst du eine Möglichkeit, da ungesehen hineinzukommen?“, ­fragte Celer und spähte durch die dichten Halme des Maisfeldes, in dem sie versteckt saßen.
Das Feld lag nur wenige Meter von der Fabrik entfernt und bot ­ausreichenden Schutz für die beiden.
Ohne Unterlass flogen seltsam aussehende Insekten mit einer Länge von knappen zwei Metern um das graue hohe Gebäude. Im Erd­geschoss waren einige der wenigen Fenster zerbrochen und die ­Scherben lagen sowohl innen als auch außerhalb des Gebäudes ­meterweit verstreut.
Zuerst hatte der Kater vorgeschlagen, dass sie vom Dach aus ein­dringen könnten. Das Dach war beinahe flach, aber die Idee hatte er gleich wieder verworfen. Selbst für Anguis, die enorme Sprungkraft besaß, wären neun Meter zu hoch gewesen.
„Nein, es gibt da keinen Weg, ungesehen hineinzukommen! Das wäre Selbstmord!! Rufen wir doch einfach die Polizei“, knurrte ­Anguis und zog ihre Beine enger an sich.
Es war für sie wegen ihrer Größe furchtbar unbequem und sie spürte ein juckendes Gefühl am Rücken.
Celer drehte sich zu ihr um und meinte mit trockener Stimme: „Red keinen Unsinn. Selbst wenn dir die Polizei glauben sollte, einem ­minderjährigen Mädchen, das behauptet, Außerirdische hätten sich an einer Verpackungsfirma vergriffen. Was sollte sie ausrichten, vorausgesetzt, sie kommt noch rechtzeitig.“
„Die Polizei hat Waffen, ich nicht! Und selbst wenn ich eine hätte, ich könnte ja noch nicht einmal etwas damit anfangen!“, zischte Anguis und versuchte dabei wütend zu klingen.
Aber es half nichts. So sehr sie sich auch anstrengte, ihre Gefühle zu unterdrücken, Celer konnte immer noch ihre Angst heraushören.
Er atmete tief durch und sagte langsam: „Anguis. Waffen hatten die Menschen von früher auch schon. Es hat ihnen nichts geholfen.“
„Möchtest du etwa die Waffen von Höhlenmenschen mit unseren vergleichen?!“, fragte sie erstaunt.
„Es ist egal, welche Waffen man gegen diesen Feind einsetzt. Sie ­werden nichts nützen, solange die Natur selbst nicht der Erzeuger dieser Waffen ist. Oder warum, glaubst du, hat die Natur dich und deine Vorfahren erschaffen? Nicht immer kann man Feuer mit ­Wasser löschen. Dieses Mal nicht. Feuer gegen Feuer. Ich sehe nun mal eben keinen anderen Weg“, sagte er mit fester Stimme und versuchte ­Anguis damit klar zu machen, dass sie wichtig war.
Diese drehte jedoch nur den Kopf weg.
„Hör jetzt auf mit den Faxen“, zischte Celer leicht genervt, „dafür haben wir keine Zeit!!“
„Mag sein, dass wir keine Zeit haben!! Aber ich habe nun mal eben Angst!!! Hättest du nicht genauso gut erst in vier Jahren oder noch später auftauchen können?!“, fauchte das Schlangenwesen verzweifelt und versuchte das Zittern seiner Hände zu verbergen.
Celer stutzte. Er hatte sich so lange auf die Kriegerin gefreut. Mit ­jedem Tag war seine Hoffnung gewachsen, sie zu finden und alles zum Guten zu wenden. Genau so, wie es sein Vater immer versucht hatte. Die ganze Zeit hatte Celer mit jeder Situation gerechnet. Aber nicht damit, dass seine Kriegerin Angst haben könnte. Die furcht­losen Krieger von früher gab es nicht mehr, sie hatten unter ­Menschen weiter gelebt und waren nun ebenfalls menschlich geworden. Damit musste er sich wohl abfinden.
Dabei war es doch so selbstverständlich, Angst vor etwas zu haben. Noch dazu, wenn man nicht einmal wusste, wovor man sich fürchtete. Wie sollte man damit fertig werden? Selbst er wusste nicht genau, was sie in diesem Gebäude erwarten würde. Sein Vater hatte ihm oft vom Gegner erzählt, er war ihm einige Male begegnet, jedoch nur, um auszukundschaften, ob sie schon eine Spur von den Fera-Kriegern hatten. Auch Celer war bereits mit ihnen zusammengestoßen. Der Kater erinnerte sich nur ungern an dieses Erlebnis. Er war nur knapp mit dem Leben davongekommen, sein Vater hatte es nicht geschafft. Celer verspürte kein großes Verlangen, sich erneut in die Nähe des Feindes zu begeben. Aber als Wächter der Wertgegenstände musste er mit gutem Beispiel vorangehen und durfte keine Angst zeigen.
„Anguis, du brauchst keine Angst zu haben. Die Natur hat dich mit deinen eigenen Waffen ausgestattet. Du kennst sie nur noch nicht. Nicht einmal ich kann dich darüber aufklären. Die Legende besagt, dass jeder Nachfahre ohne Vorkenntnis in den Kampf ziehen kann und wissen wird, was zu tun ist. Denn das Wissen taucht von selbst auf. Es ist in deinem Unterbewusstsein gespeichert. Komm jetzt. Wir müssen da rein“, flüsterte er und warf einen Blick zu dem grauen Gebäude hinüber.
„Hast du auch Waffen bekommen?“, fragte sie leise.
„Nein, ich wurde mit keinerlei Waffen für einen offenen Kampf ­ausgestattet. Ich habe etwas heilende Macht bekommen, wenn du willst, erkläre ich sie dir … ein anderes Mal. Jetzt müssen wir da rein“, beantwortete der Kater ihre Frage, ohne den Blick vom Gebäude ­abzuwenden.
Plötzlich hatte Anguis das Gefühl, als ob zwei Herzen in ihrer Brust schlagen würden. Ihr wurde heiß und für einen Moment bekam sie keine Luft. Alles um sie herum wurde etwas unscharf und im nächsten Moment sprintete sie bereits auf das Gebäude zu und sprang durch eines der zerbrochenen Fenster. Kaum kam sie am Boden auf, fing sie sich geschickt ab und presste sich an die Wand des dunklen Raumes. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was für ein Wagnis sie eingegangen war. Aber nichts passierte. Niemand tauchte auf. Anscheinend hatte man sie noch nicht bemerkt.
„Was … habe ich eben gemacht?!! Ich könnte tot sein!!! Was soll ich jetzt bloß machen?!!“, schrie Anguis sich selbst innerlich entsetzt an.
Die Schlangenkriegerin atmete tief durch und sah sich im Raum um. Es war ziemlich dunkel, die Sonne war bereits im Untergehen und doch hatten sich ihre Augen schnell an das wenige Licht gewöhnt. Aber der Anblick, der sich ihr bot, war genauso grauenvoll wie ­unerwartet. Vier Männer, davon drei in Arbeitskleidung, lagen am Boden und bewegten sich nicht. Die Körper wiesen einige Schnittwunden auf, viele ungefährlich, doch andere wiederum tief und ­blutig.
Zuerst wagte sie es nicht, sich zu bewegen. Wie gelähmt lehnte sie an der Wand und starrte zu den Unbekannten hinüber. Sie fragte sich, ob sie tot waren, sie lagen zu ruhig da … nicht einmal die Oberkörper schienen sich zu heben. … Atmeten sie noch?
Anguis biss die Zähne zusammen und kroch auf allen Vieren zu ­ihnen hinüber. Mit zittrigen Fingern suchte sie nach einem Puls, doch bei keiner der Personen konnte sie einen finden. Verzweifelt rang sie nach Atem, sie hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Sie waren viel zu jung, um tot sein zu dürfen. Einer von ihnen war nicht viel älter als sie selbst!
Doch wie von selbst legte sich ihre Hand auf ihren Mund und dämpfte so ihr Keuchen ab. Ein anderes Geräusch wurde dadurch hörbar. ­Anguis hielt den Atem an und lauschte angespannt. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte das Geräusch nicht zuordnen. ­Irgendwie erinnerte es sie an Papier, dass man ganz schnell auf- und abschwang.
Beunruhigender aber war, dass es näher kam und Anguis kein brauchbares Versteck entdeckte. Aber selbst wenn, irgendetwas in ihr hatte die Kontrolle über ihr Handeln übernommen und ließ ein Versteckspiel nicht zu. Das änderte aber auch nichts an der Tatsache, dass ihr Herz wie verrückt klopfte und sie ihr Blut in den Ohren rauschen hören konnte. Der Gedanke, dass ihr unbekannter Gegner ihre ­lauten Herzschläge hören könnte, machte sie fertig.
Das Geräusch war unmittelbar vor der offenen Tür und die Schlangenkriegerin stand noch immer breitbeinig davor, Hände zu Fäusten ­geballt. Selbst wenn dieser Gegner nur an der Tür vorbei wollte, er würde sie sehen. Daran bestand kein Zweifel.
Dann war es soweit. Sie spürte, dass der Feind in der nächsten Sekunde an dieser Tür vorbeikommen würde. Sie atmete noch einmal tief durch und schloss kurz die Augen. Irgendwo tief in ihrem Inneren schien erneut diese leise Melodie zu erklingen. Seltsamerweise war ihr Körper völlig entspannt, wie kurz vor einer Turnübung im Club.
Die Zeit schien wie eingefroren. Sie verstrich unglaublich langsam, beinahe gar nicht. Mit leicht geöffneten Augen hob sie ihre Arme und streckte sie zur Seite hin weg. Für sie verlief alles wie Routine. In dem Moment, wo ein dunkler Schatten in der Tür auftauchte, hatte sie sich bereits zur Seite gedreht und war weggesprungen. So weit war es nur eine Turnübung, nichts weiter. Aber die darauffolgenden, ­unbekannten Bewegungen fühlten sich ebenfalls an, als hätte sie ­diese genauestens einstudiert. Ihr Fuß, mit dem sie weggesprungen war, schnellte abgewinkelt nach vorne und als sie den Kontakt ihres Gegners spürte, ließ sie ihren Ellbogen des rechten Armes einfach mit all ihrer Kraft hinunter auf den Gegner sausen. Sie nahm ein leises Knacken wahr, etwas gab nach, es wurde unangenehm warm und dann spürte sie den Boden unter ihren Füßen.
Erst jetzt wurde das Bild vor ihren Augen wieder klar, die Melodie leiser und für den Bruchteil einer Sekunde erkannte sie wieder zwei sie ansehende Augen. Dann war dieses warme Gefühl von innen ­verschwunden und alles, was blieb, war Adrenalin, welches durch ­ihren Körper schoss und ihr Herz zum Rasen brachte. Sie stand einfach da und starrte gerade aus. Zu etwas Anderem war sie eine halbe Ewigkeit lang nicht fähig.
Ganz langsam senkte sie ihren Blick und sah angewidert auf das ­Geschöpf, das zu ihren Füßen lag, nieder. Es bewegte sich nicht mehr und seine Augen waren geschlossen. Anguis schloss ebenfalls voller Abscheu die Augen, sie hasste Krabbeltiere und das Geschöpf zu ­ihren Füßen war ein großes Insekt. Dieses Untier besaß einen ­dunkelbraunen Panzer, der nun knapp unter seinem Hals gebrochen war. Eine braune Flüssigkeit tropfte stetig zu Boden und bildete eine stinkende Lacke. Auf seinem Rücken waren schwarze Flügel mit ­weißen Flecken. An seinem Kopf waren zwei scharfe, kräftige Kiefer und sechs haarige Beine ragten aus seinem harten Unterkörper ­heraus.
Eines seiner Beine lag auf Anguis nacktem Fuß und als sie ihr Bein hob und das Untier etwas von sich wegstieß, zerbrach es und außer Staub blieb nichts von ihm übrig.
Anguis wusste nicht mehr, was sie machen sollte. Verzweifelt sah sie sich um und verschränkte trotzig ihre Arme vor ihrem Oberkörper. Sie wusste, dass sie nicht mehr zurückkonnte. Aber augenblicklich hätte sie nichts lieber als das getan. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Erscheinung und sie hatte das Gefühl, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein. So vieles war passiert und nichts war ihr begreiflich. Nichts von alldem war mit gesundem Menschenverstand zu ver­stehen. Anguis sträubte sich dagegen, obwohl sie ständig eine innere Macht spürte, die ihr zu sagen versuchte, dass sie ihre Aufgabe gut erledigte.